Wir verbringen immer mehr Zeit im Sitzen – im Büro, im Auto, auf dem Sofa. Gleichzeitig klagen viele Menschen über Rückenschmerzen, Verspannungen oder Gelenkprobleme. Zufall ist das keiner. Physiotherapeutin Brigitte Zanon erklärt, warum unser Alltag unseren Körper stärker prägt als jede einzelne Trainingseinheit – und weshalb kleine Veränderungen oft mehr bewirken als grosse Vorsätze.
Viele Menschen kümmern sich erst dann um ihren Körper, wenn er schmerzt. Ein Ziehen im Rücken, Verspannungen im Nacken oder Beschwerden im Knie werden oft lange ignoriert – bis sie den Alltag beeinträchtigen. Dabei sendet der Körper häufig schon viel früher Signale. Physiotherapeutin und Schmerztherapeutin Brigitte Zanon beobachtet das seit über 35 Jahren in ihrer Praxis.
«Viele Patienten behandeln ihren Körper wie ein Werkzeug – er muss einfach funktionieren», sagt sie. Solange alles läuft, werde der Körper oft als selbstverständlich betrachtet. Erst wenn Schmerzen auftreten, beginne man genauer hinzuschauen.
Wer morgens mit Rückenschmerzen aufwacht oder plötzlich ein schmerzendes Knie bemerkt, hat oft das Gefühl, das Problem sei aus dem Nichts entstanden. Aus Sicht von Brigitte Zanon ist das jedoch selten der Fall.
«Es ist wie ein Fass, das langsam volltropft. Ein kurzes Zwicken hier, eine Steifigkeit am Morgen dort. Die meisten Beschwerden melden sich lange vorher an. Man muss nur gut genug hinhören.»
Der Körper verfügt über eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit. Er reagiert auf Bewegung – aber auch auf Bewegungsmangel. Wer ihn regelmässig fordert, kann bis ins hohe Alter Fortschritte erzielen. Wer ihn vernachlässigt, trainiert unbewusst genau jene Gewohnheiten, die später zu Beschwerden führen können.
Bewegungsmangel gehört zu den häufigsten Ursachen für Beschwerden des Bewegungsapparats. Gleichzeitig bewegen sich viele Menschen heute bewusster als noch vor einigen Jahren. Fitnessstudios boomen, Krafttraining liegt im Trend und auch ältere Menschen investieren vermehrt Zeit in ihre Gesundheit.
Trotzdem bleibt langes Sitzen ein Problem. «Viele denken, sie trainieren nur dann, wenn sie Sport treiben. Tatsächlich trainieren wir unseren Körper rund um die Uhr. Wer viel sitzt, trainiert das Sitzen.» Der Körper richtet sich nach den Belastungen aus, denen er täglich ausgesetzt ist. Wer viele Stunden am Schreibtisch verbringt, fördert Verkürzungen im Hüftbereich, Verspannungen im Nacken und Beschwerden im Rücken.
Sport kann das teilweise ausgleichen, ersetzt aber nicht die Bewegung im Alltag. Treppen steigen, zu Fuss einkaufen, regelmässig aufstehen oder eine Bushaltestelle früher aussteigen – kleine Gewohnheiten können langfristig einen grossen Unterschied machen.
Neben Bewegungsmangel sieht Brigitte Zanon einen weiteren wichtigen Faktor: Stress.
«Dauerhafter Stress erhöht die Muskelspannung und kann Beschwerden verstärken oder sogar mitverursachen.»
Viele Menschen befinden sich dauerhaft im sogenannten Alarmmodus. Berufliche Anforderungen, familiäre Verpflichtungen und die ständige Erreichbarkeit lassen wenig Raum für Erholung. Die Folgen zeigen sich häufig im Körper – etwa durch Nackenverspannungen, Kopfschmerzen oder diffuse Schmerzen im Bewegungsapparat.
In ihrer Arbeit erlebt Zanon immer wieder, dass körperliche Beschwerden nachlassen, wenn Menschen belastende Situationen verarbeiten oder bewusst mehr Ruhe in ihren Alltag bringen. Dabei müssen es nicht immer grosse Veränderungen sein. Ein Spaziergang, ein gutes Buch, Atemübungen oder einfach einmal das Handy bewusst zur Seite zu legen, können helfen, dem Körper regelmässig Erholungsphasen zu ermöglichen.
Neben Bewegung und Belastung spielt auch die Erholung eine zentrale Rolle für die Gesundheit des Körpers. Dennoch wird sie im Alltag oft unterschätzt oder als Luxus betrachtet. Der Körper braucht Zeit, um sich von Belastungen zu erholen, Muskeln aufzubauen und Strukturen zu stärken. «Der Körper verbessert sich nicht während des Trainings, sondern in der Erholungsphase danach.» Wer ständig unter Spannung steht oder sich keine Pausen gönnt, riskiert Überlastungen und anhaltende Beschwerden.
Regeneration bedeutet dabei nicht nur Schlaf, sondern auch bewusste Erholungsphasen im Alltag. Kurze Pausen, ruhige Momente ohne Reize oder gezielte Entspannung können helfen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. «Es geht nicht darum, weniger zu tun, sondern darum, dem Körper regelmässig die Möglichkeit zu geben, sich zu erholen.»
Ein weiterer Punkt liegt Brigitte Zanon besonders am Herzen: Gelenke sollten regelmässig über ihren vollen Bewegungsumfang genutzt werden. Als Beispiel nennt sie den Ellbogen. «Es gibt ein Gelenk, das vergleichsweise wenig Beschwerden macht – und das ist der Ellbogen.» Der Grund dafür sei einfach: Im Alltag wird er ständig vollständig gebeugt und wieder gestreckt. Dadurch bleibt er beweglich und wird regelmässig belastet.
Bei vielen anderen Gelenken sieht das anders aus. Gut ersichtlich ist das beispielsweise an der Schulter. Obwohl sie eines der beweglichsten Gelenke des Körpers ist, nutzen wir im Alltag nur einen kleinen Teil ihres möglichen Bewegungsumfangs. «Unsere Schultern brauchen im Alltag vielleicht 20 Prozent ihrer Bewegungsmöglichkeiten», erklärt Zanon. Die Folge sind Anpassungen, Einschränkungen und langfristig häufiger Beschwerden.
Ihre Empfehlung lautet deshalb, den Körper möglichst vielseitig zu bewegen und Gelenke regelmässig in ihre Endpositionen zu bringen – sei es beim Dehnen, bei alltäglichen Bewegungen oder beim Sport. Gesundheit entsteht nicht durch einzelne grosse Massnahmen, sondern durch viele kleine Gewohnheiten. Oder anders gesagt: Wer sich bewegt, trainiert seinen Körper. Die Frage ist nur, wofür.